Manchmal beginnt eine Reise am Schreibtisch - führt dann um die halbe Welt - und endet dort wieder. „Zurück in die Zukunft“.
Beim Süßholz war es genau so.
Chronologisch beginnt die Reise zum Süßholz im alten Ägypten. Es taucht in den Heilpflanzenbüchern immer wieder die Geschichte auf, im Grab Tutanchamuns seien Süßholzwurzeln gefunden worden. Eine dieser schönen, oft erzählten Heilpflanzengeschichten. Nur: Je genauer ich das recherchierte, desto unsicherer und komplexer wurde sie.
“Von der Magie zur Medizin”, lautet ja mein Motto. Und der Titel meines Buches (das noch 100 Jahre dauert, wenn das so weiter geht).

Aber genau darum geht es. Die „magische“ Geschichte von Tutanchamun und die medizinische. Die Forschung zu dieser Pflanze als Heilpflanze. Was ist wahr, was ist Legende.
Und genau da wird es interessant.
Denn bei Heilpflanzen begegnet einem das immer wieder: Eine Geschichte steht in einem Buch, dann im nächsten Artikel, der die Geschichte weitererzählt - und schließlich auf unzähligen Internetseiten. Irgendwann wirkt sie so vertraut, dass kaum noch jemand fragt, woher sie eigentlich stammt.
Aus einem „soll“ wird fast unbemerkt ein „war so“.
Bis Claude kam. Die von mir gut aufs „Hinterfragen“ trainierte KI zweifelte die Geschichte vom ägyptischen Königsgrab an, genauso wie sie auch schon die des Steinzeitlichen Grabes anzweifelte, in dem Heilpflanzen gefunden wurden.
Diese Geschichten steht aber überall. Zumindest dort, wo es um Heilpflanzen geht.
Claude hat die Welt der Geschichten erschüttert. Oder war ich es? Schließlich hört sie ja auf mich und macht, was ich prompte.
Kommt darauf an, was ich erzählen möchte. Oder muss. Der Artikel wird ein Fachartikel für Leser, die sich mit Pflanzen, Garten und Gemüse auskennen. Auch mit Heilpflanzen. Und diese Leser glauben nicht mehr alles, was sie in Büchern oder Magazinen so gelesen haben. Ihre Wirklichkeit im Obst- und Gartenbau ist eine andere.
Zurück in die Geschichte.
Von den alten Ägyptern führte mich die Spur zunächst zu Theophrast, dem griechischen Naturforscher und Schüler des Aristoteles, der bereits im 4. Jahrhundert vor Christus von einer „skythischen Wurzel“ berichtete. In seiner Historia Plantarum erwähnt er sie und dass sie in der Gegend des Asowschen Meeres wachsen soll. Er beschreibt sie als süß schmeckend und nennt sie als Mittel bei Asthma, trockenem Husten und anderen Brustbeschwerden. Spätere pharmakognostische Autoren identifizieren diese „skythische Wurzel“ eindeutig mit Süßholz.
Was bei ihm nicht so sicher belegt ist, ist die Formulierung, nomadische Völker hätten damit „lange ohne Wasser auskommen können“. Das wird später gern weitererzählt.
Plinius der Ältere (oder was der Jüngere über ihn überliefert hat), also d.Ä. schreibt ausdrücklich, dass Süßholz Hunger und Durst lindern könne, aber das ist eben Plinius.
Die nächste Reise führte folgerichtig zu Alexanders Heer, dessen Soldaten auf langen Märschen Süßholz gekaut haben sollen. Vermutlich weil Theophrast schrieb, dass Süßholz den Durst lindere, wenn man die Wurzel im Mund behält. Deshalb hätten die Skythen zusammen mit Stutenmilchkäse angeblich elf oder zwölf Tage ohne Trinken auskommen können. Als historische Geschichte sehr schön. Aber vielleicht haben die Skythen oder andere Reiternomaden das den Soldaten in Alexanders Heer auch selbst erzählt?
Weiter ging es zu Dioskurides, dem griechischen Arzt des 1. Jahrhunderts nach Christus, dessen *De materia medica* über viele Jahrhunderte zu den wichtigsten Arzneipflanzenbüchern Europas gehörte. Er beschrieb Süßholz unter anderem bei Beschwerden des Magens, rauer Kehle und Husten.
Und einige Jahrhunderte später kam Pietro Andrea Mattioli, der italienische Arzt und Botaniker der Renaissance. Er kommentierte die Schriften des Dioskurides und machte das antike Heilpflanzenwissen für seine Zeit neu zugänglich. Auch bei ihm findet sich Süßholz als Arznei für Magen und Atemwege.
Da muss ja nun was dran sein.
Womit ich schließlich bei Napoleon landete und seinen chronischen Bauchschmerzen.
Auch Napoleon Bonaparte soll regelmäßig Süßholzwurzel gekaut haben. Dass er unter Magenbeschwerden litt, ist gut dokumentiert. Ob allerdings all die Details stimmen, die rund um sein Süßholzkauen immer wieder erzählt werden, zum Beispiel, dass er davon schwarze Zähne bekam, das ist eine andere Frage.
Wer hätte gedacht, dass schon so viele berühmte Ärzte und Philosophen über diese unscheinbare Pflanze berichtet haben.
Dabei ist sie doch einfach nur Lakritz? Auch Bärendreck genannt. Man mag sie, man mag sie nicht.
Genau das macht solche Recherchen für mich spannend.
Als ich diesen Auftrag bekam, über diese (Heil-)Pflanze zu berichten, über die ich eigentlich nichts wusste und die mich bisher auch gar nicht interessierte (ich mag Lakritz nicht und habe kein Magengeschwür) Also, als ich diesen Auftrag bekam, war ich sofort dabei.
Das interessiert mich!
Und jetzt sitze ich schon tagelang dran, recherchiere, führe Interviews, wälze alte Bücher, suche historische Zeichnungen, alte Stadtpläne. Bin kurz davor, mal nach Bamberg zu reisen zur Bamberger Süßholzgesellschaft oder nach Illertissen zum Staudengärtner Dieter Gaißmayer, der sie in seinem Sortiment führt und mir am Telefon so interessante Geschichten zu dieser Pflanze erzählt hat. Gaißmaier nennt sie eigentlich unscheinbar und außerdem kann sie sich gewaltig ausbreiten an einem Standort, der ihr gefällt. Auf leichtem Sandboden. Stichwort „Spargelböden“ erzählte mir Gertrud Leumer später. Aber wer hat das schon, dazu noch mildes Klima. Die Diplom-Ingenieurin für Landespflege leitet eine Gärtnerei namens Mussärol und irgendwie auch die Bamberger Süßhholzgesellschaft.
Mit ihr tauchte ich dann ein in einen alten Stadtplan aus dem 16. Jahrundert, in die Süßholzgärten der Bamberger Flussauen. Auf sandige Böden, dort wo der Main und die Regnitz zusammenfließen. Süßholz machte damals die Bamberger reich! Es war das nördlichste Anbaugebiet dieser wärmeliebenden Heilpflanze.
Auch Napoleon kam hier vorbei, erzählt sie. Das ist belegt, aber ob er dabei Süßholzwurzeln kaufte, die auf den Jahrmärkten angeboten wurden – und der Renner waren – das weiß man nicht.
Süßholz war allseits beliebt, denn Zucker kannte man noch nicht. So wurde die schwarze Wurzel, die den Wunderstoff Glycyrrhizin enthält, der 30 bis 50 mal stärker als Zucker ist – zur Berühmtheit und machte als schwarzes Gold die Ackerbürger Bambergs reich.
Heute ist Abgabetermin für meinen Süßholz-Artikel.
Gut so, dann beende ich meine Reise. Und schicke den Text endlich ab.
(Claude hat nochmal mit der fachkritischen Lupe darüber geschaut, ChatGPT war etwas milder. Ich lass meine Fehler drin. Den Rest überlasse ich der Redaktion.)


